Ein Tag im Leben eines Au-pairs in Deutschland (2026)
Du bist 22, kommst aus einer kleinen Stadt bei Valencia, und lebst seit drei Monaten bei einer Familie in einem grünen Vorort südlich von München. Du teilst ihr Vier-Zimmer-Haus, isst fast jeden Abend mit ihnen zu Abend und sprichst eine chaotische Mischung aus Deutsch und Englisch, die jede Woche etwas weniger chaotisch wird. So sieht ein ganz normaler Dienstag aus.
7:00 — Morgen
Der Wecker klingelt und du bleibst genau neunzig Sekunden liegen, bevor du die Beine aus dem Bett schwingst. Schnell duschen, Haare hoch, Jeans und Pullover. Du gehst runter und die Küche riecht schon nach Kaffee. Deine Gastmutter Katrin schneidet Brötchen auf — diese knusprigen deutschen Brötchen, die du mittlerweile ehrlich gesagt lieber magst als Toast. Butter, Marmelade, ein paar Scheiben Käse und Schinken liegen auf einem Holzbrett. Die Kinder sind halb angezogen und halb wach. Du schenkst dir einen Kaffee ein, schmierst dir ein Brötchen und fragst den 7-jährigen Lukas, ob er seine Sachkunde-Hausaufgaben fertig hat. Er sagt ja. Du weißt, dass er lügt.
7:45 — Schulweg
Du packst die beiden Kinder ein und ihr geht zu Fuß. Mila, 4 Jahre, geht in den Kindergarten — der in Deutschland kein einzelnes Schuljahr ist, sondern ein richtiges frühkindliches Programm, das Kinder von 3 bis zum Beginn der Grundschule mit 6 besuchen. Es sind zehn Minuten Fußweg durch ruhige Wohnstraßen mit Vorgärten voller Hortensien. Du gibst Mila ab, unterschreibst die Anwesenheitsliste und gehst mit Lukas noch fünf Minuten weiter zu seiner Grundschule. Er winkt zum Abschied, ohne sich umzudrehen, was du als Kompliment wertest.
8:30–12:00 — Freizeit
Drei Vormittage pro Woche besuchst du einen Deutschkurs an der örtlichen Volkshochschule — den Erwachsenenbildungszentren, die es in praktisch jeder deutschen Stadt gibt. Deins bietet B1-Kurse für etwa €200 pro Semester an, und deine Gastfamilie steuert rund €50 im Monat bei, was in Deutschland üblich ist. Im Kurs seid ihr zwölf Leute aus acht Ländern, und hier hast du die meisten deiner Freunde gefunden. Heute ist Kurstag, also radelst du hin, verbringst zweieinhalb Stunden mit Verben konjugieren und der Diskussion eines Zeitungsartikels über den Wohnungsmarkt, und radelst zurück.
An freien Vormittagen gehört die Zeit dir. An manchen Tagen gehst du ins Fitnessstudio. An anderen nimmst du die S-Bahn in die Münchner Innenstadt und schlenderst durch den Englischen Garten oder sitzt in einem Café nahe dem Marienplatz. An manchen Tagen machst du einen Videoanruf mit deinen Eltern oder liegst im Bett und schaust eine Serie. Niemand kontrolliert dich. Die Stunden vor dem Mittagessen sind wirklich frei.
12:30 — Mittagessen
Du holst Mila vom Kindergarten ab. Sie erzählt dir von einem Käfer, den sie im Garten gefunden hat, und du tust fasziniert, was gar nicht schwer ist, weil sie vier ist und ihre Begeisterung ansteckend wirkt. Zu Hause machst du ein schnelles Mittagessen — Nudeln mit Tomatensoße, Brot mit Avocado und Ei oder Reste vom Vorabend. Nichts Aufwendiges. Mila isst die Hälfte und erklärt, dass sie satt ist, was du mittlerweile als „sie hat in fünfundvierzig Minuten wieder Hunger" übersetzt.
13:00–15:00 — Nachmittag mit Mila
Die Nachmittage sind der Kern deiner Arbeit. Heute ist das Wetter gut, also geht ihr zum nächsten Spielplatz. Deutsche Spielplätze sind wirklich beeindruckend — die meisten haben richtige Klettergerüste, Seilbahnen, Sandkästen so groß wie ein Wohnzimmer und Wasserpumpen-Stationen, die Kinder stundenlang beschäftigen. Manche Orte haben sogar Abenteuerspielplätze, wo Kinder mit echten Hämmern und Altholz bauen, betreut von ausgebildeten Spielplatzbetreuern. Das ist eins dieser kulturellen Details, die vorher niemand erwähnt und über die du danach nicht aufhören kannst zu reden.
Mila spielt. Du sitzt auf einer Bank, beantwortest Nachrichten und behältst sie im Auge. Eine andere Au-pair, die du aus deinem Deutschkurs kennst, ist auch hier mit ihrem Kind, also quatscht ihr. Diese Spielplatz-Nachmittage sind der Teil der Arbeit, der sich am wenigsten nach Arbeit anfühlt.
15:00 — Vesper
Zurück zu Hause zum Vesper — dem deutschen Nachmittagssnack, der zwischen Mittag- und Abendessen liegt. Du machst Butterbrote, schneidest einen Apfel auf, gießt zwei Gläser Apfelschorle ein. Lukas kommt um diese Zeit von der Schule. Er lässt seinen Rucksack fallen, als hätte dieser ihn persönlich beleidigt, und isst drei Brote schweigend auf.
15:30–17:00 — Hausaufgaben und Aktivitäten
Du sitzt bei Lukas, während er seine Mathe-Hausaufgaben macht. Deine Rolle ist weniger „Nachhilfelehrerin" als vielmehr „Person, die dafür sorgt, dass er sich wirklich hinsetzt." Er ist in zwanzig Minuten fertig. Dann bringst du ihn zu seiner Schwimmstunde im Hallenbad — dem Hallenbad drei Straßen weiter. Mila kommt mit und ihr wartet in der Lobby, malt Bilder mit ihr und lest ein deutsches Kinderbuch laut vor, was für euch beide gute Übung ist. Lukas ist um Viertel vor fünf fertig, mit nassen Haaren und schon wieder hungrig.
17:30 — Übergabe
Katrin kommt von der Arbeit. Du erzählst ihr, dass Mila mittags fast nichts gegessen hat (beim Abendessen wird sie essen), dass Lukas' Hausaufgaben erledigt sind und dass es beim Schwimmen gut lief. Katrin bedankt sich und übernimmt. Dein Arbeitstag ist vorbei. Du gehst nach oben, ziehst dich um und checkst den Gruppenchat.
Abend — Deine Zeit
Heute Abend triffst du dich mit drei anderen Au-pairs zum Essen in der Stadt. Eine kommt aus Kolumbien, eine aus Südkorea, eine aus Italien. Du nimmst die S-Bahn zum Sendlinger Tor und ihr esst in einem vietnamesischen Restaurant, das große Schüsseln Pho für €9 macht. Danach schlendert ihr durch die Altstadt, holt euch ein Eis und sitzt am Isar, bis es dunkel wird. An wärmeren Abenden würdet ihr in einem Biergarten landen — der Augustiner Keller ist der lokale Favorit und es stört niemanden, wenn du den ganzen Abend an einem Bier nippst.
Die Au-pair-Community in Deutschland ist groß. Allein in München gibt es zu jeder Zeit Hunderte von Au-pairs, und zwischen Sprachschulen, WhatsApp-Gruppen und Spielplatz-Begegnungen lernst du schnell Leute kennen. Einsamkeit ist selten das Problem — eher die Gefahr, deinen Kalender zu voll zu packen.
Um zehn bist du zu Hause. Du liest noch ein bisschen, schreibst deiner Mama eine Gute-Nacht-Nachricht und stellst den Wecker auf sieben.
Die Zahlen
Deutschland hat klare, gut dokumentierte Regeln für Au-pairs. So sieht die Vereinbarung auf dem Papier aus:
- Taschengeld: €280 pro Monat (das gesetzliche Minimum, und was die meisten Familien zahlen)
- Arbeitszeiten: 30 Stunden pro Woche, bis zu 6 Stunden pro Tag
- Freie Tage: mindestens 1,5 freie Tage pro Woche, davon mindestens ein ganzer Sonntag im Monat
- Urlaub: 4 Wochen bezahlter Urlaub bei einem 12-monatigen Aufenthalt
- Sprachkurs: Gastfamilien sollen zum Deutschkurs beitragen — typischerweise €50/Monat
- Versicherung: die Gastfamilie muss Kranken-, Unfall- und Haftpflichtversicherung bereitstellen
- Kost und Logis: eigenes Zimmer und alle Mahlzeiten inklusive
Einen vollständigen Vergleich der Au-pair-Gehälter in verschiedenen Ländern findest du in unserem Au-pair-Gehaltsvergleich nach Ländern. Und bevor du irgendetwas unterschreibst, lies dir eine ordentliche Au-pair-Vertragsvorlage durch, damit du weißt, was schriftlich festgehalten werden sollte.
Warum Deutschland
Deutschland ist das größte Au-pair-Zielland in Europa und eines der am besten strukturierten. Das Programm läuft seit Jahrzehnten, der rechtliche Rahmen ist klar, und Gastfamilien wissen in der Regel, worauf sie sich einlassen. Du bekommst einen ordentlichen Vertrag, geregelte Arbeitszeiten, Pflichtversicherung und ein Land mit zuverlässigem öffentlichem Nahverkehr, bezahlbaren Lebensmitteln und mehr zu sehen, als du in einem Jahr schaffen wirst. Allein Bayern bietet die Alpen, Dutzende von Seen, Neuschwanstein, das Oktoberfest und Weihnachtsmärkte, die die ganze Reise rechtfertigen.
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